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Kein Plan überlebt die Baustelle

TL;DR

KI war beim Pool-Bau ein hervorragender zweiter Kopf, aber vor allem in der Planungsphase. Der eigentliche Hebel war nicht der perfekte Plan, sondern ein Medium, das ich als Mensch wirklich beurteilen konnte: ein 3D-Modell statt einer Textwüste. Dasselbe Muster sehe ich beim Bauen von Software mit Agenten. Und irgendwann muss man den Plan Plan sein lassen und ins Konkrete springen.

Ich stehe verschwitzt im Garten, ein Stück Holz in jeder Hand, und merke: Die Ecke geht so überhaupt nicht auf. Kein „passt nicht ganz“. Sondern ein: Das, was ich mir tagelang ausgedacht, berechnet, visualisiert und für gut befunden hatte, funktioniert an genau dieser Stelle einfach nicht. Drei Hölzer, die an einer Ecke zusammenlaufen sollen, und keins davon will so wie mein Plan.

Und während ich da so stehe, kommt dieses Gefühl hoch. Das kennste doch irgendwo her. Nicht vom Stümpern mit Holz, sondern von der Arbeit mit Software. Aber dazu später.

Zurück an den Anfang.

Der Plan, der keiner war

Es ging eigentlich um eine Holzeinhausung für einen kleinen Aufstellpool im Garten. So ein hässliches Intex-Ding mit Metallrahmen, steht saisonal auf einer extra dafür vorbereiteten Fläche aus Schotter, Splitt und ein paar Hartschaumplatten. Funktional super, optisch eine Vollkatastrophe. Ein blauer Plastikpool auf weißen Schaumplatten mit einer Filterpumpe, die aussieht und klingt wie ein kleiner Industriestaubsauger.

Blauer Plastikpool auf weißen Schaumplatten

Die Idee: drumherum eine Holzkonstruktion, die optisch dem angrenzenden Hochbeet ähnelt. Oben umlaufend Dielen, an einer Seite breiter als Sitz- und Ablagefläche, um darunter die Pumpe zu verstecken. Nichts Tragendes, der Pool steht nach wie vor für sich. Die Holzkiste fasst ihn nur ein und macht das Ganze halbwegs ansehnlich.

Mein erster Input war eine handgezeichnete Skizze. Maße, Hölzer, ein paar Pfeile, Notizen zu Schrauben. Handwerklich brauchbar, aber eindeutig war daran nichts. Eher Denkstand als Bauplan. Also genau der Zettel, bei dem man selbst sagt „ist doch klar, was ich meine“, während das Papier noch aussieht wie ein „Kunstwerk“ meines dreijährigen Sohnes.

Klingt nach nem Stündchen Planung. Spoiler Alert: war eher mehr.

KI als zweiter Kopf, nicht als Orakel

Ich hab das Projekt dann sehr früh mit KI weiter geplant. Vor fünf Jahren hab ich mal eine Holzterrasse gebaut und hab noch schmerzhaft in Erinnerung, wie aufwendig, aber dringend nötig die sorgfältige Planung bei solchen vermeintlich kleinen Gartenprojektchen ist. Wie man sich vielleicht schon denken kann, war der Planungsteil aber trotzdem kein „ich hab mal Chätti gefragt und dann den perfekten Bauplan bekommen“. So funktioniert das weder mit KI noch mit Holzarbeiten.

Ich hab Chat als Sparringspartner und zweiten Kopf benutzt. Rechenhilfe, Variantenprüfer, jemand, der mir meine eigenen Annahmen um die Ohren haut, bevor das Material es tut. Ich wollte zwar am Ende einen halbwegs vollständigen Plan. Vor allem aber bohrende Fragen, um mein mentales Modell fürs Projekt zu schärfen.

Das ist, nebenbei, genau das, was ich auch von meinen Teammitgliedern erwarte, wenn wir zusammenarbeiten: nicht direkt mit Lösungen um die Ecke kommen, sondern erstmal gemeinsam die Lücken im Denkprozess offenlegen.

Produktmaße lügen

Die erste Lücke kam schnell. Ich war von den Produktmaßen des Pools ausgegangen, 220 mal 150, stand ja drauf. Drumherum eine quadratische Konstruktion, 238 mal 238, zack feddich.

Chat bremste sofort: Frame-Pools brauchen mit ihren Stützfüßen oft mehr Platz, als die Verpackung verspricht. Ob ich das denn auch mal nachgemessen hätte.

Hatte ich natürlich nicht. Also raus, Maßband geholt. Realität: 236 mal 172. Und die vorbereitete Fläche war auch nicht ganz 240 im Quadrat, sondern 248 mal 240. Mein schönes Quadrat war damit hinfällig, bevor das erste Brett gekauft war.

Lektion eins, und die gilt überall: KI kann deine Annahmen hervorragend identifizieren und in Frage stellen. Die echten Maße nehmen musst du aber meistens selbst. Niemand vermisst deinen Pool aus der Cloud (Pun intended).

Von Text zu Modell

Dann kam der Punkt, an dem ich gemerkt hab, dass mein eigentliches Problem gar nicht der Plan war. Sondern wie er da so vor mir lag.

Denn die Planung produzierte vor allem eins: viel Text. Stücklisten. Eine Mail an den Holzhändler mit Zuschnitten, Maßen, Querschnitten, Stückzahlen. Eine ordentliche, vollständige, lange Liste. Zugegeben, war auch in der ersten Runde so von mir gefordert.

Hallo liebes Holz Team,

für ein kleines Gartenbauprojekt, eine Holzverkleidung mit Sitzfläche für einen Frame-Pool, bräuchte ich ein Angebot über folgende Holzprodukte, bevorzugt in Douglasie oder Lärche, inkl. Lieferung nach Dormagen, PLZ 41542.

Geplantes Außenmaß der Konstruktion:
ca. 2480 x 2400 x 700 mm

Kantholz, gehobelt, 70 x 70 mm:
10 x 602 mm
4 x 2480 mm
11 x 455 mm

Blendleisten / Unterkonstruktion, ca. 40 x 60 mm oder 45 x 45 mm:
18 x 672 mm

Fassadenbretter, gehobelt, ca. 18 x 90 mm:
9 x 2480 mm
14 x 2400 mm
14 x 1190 mm

Terrassendielen, ca. 28 x 145 mm:
6 x 2480 mm
2 x 1805 mm

Falls einzelne Querschnitte oder Breiten nicht exakt verfügbar sind, gerne mit sinnvoller Alternative anbieten. Wichtig wäre mir wettergeeignetes Holz für den Außenbereich. Bei abweichenden Brettbreiten müsste ich die Anzahl der Reihen ggf. noch anpassen.

Vielen Dank und beste Grüße
Roman Stranghöner

Aber ich konnte das so unmöglich reviewen. Ich meine das ernst. Ich kann eine Spalte mit dreißig Maßen zwanzigmal lesen und checke trotzdem nicht, dass zwei davon zusammen nicht aufgehen. Ein Planungsfehler in einer Textwüste ist für mein Hirn praktisch unsichtbar. Ich seh die Zahlen, aber ich seh nicht den Raum.

Also hab ich Chat gebeten, mir stattdessen eine HTML-Datei mit einem 3D-Modell drin zu bauen. Eine interaktive Seite, die ich im Browser drehen, kippen, von allen Seiten angucken kann (das Modell gibt's hier zum Selber-Drehen). Pool, Rahmen, Sitzmodul, Dielen, Pumpe als Platzhalter, alles mit echten Maßen.

Und plötzlich war alles anders. Ich musste nichts mehr im Kopf zusammenrechnen. Ich hab einfach geguckt und sofort gesehen, was nicht stimmt.

Das ist der eigentliche Punkt, und ich hab gebraucht, bis ich ihn verstanden hab: Nicht der Plan war schlecht. Sondern die Darreichungsform des Plans war schlecht. Ein langer Text ist für einen Menschen ein mieser Weg, ein räumliches Problem zu beurteilen. Ein 3D-Modell, das ich drehen kann, ist (für mich) der richtige. Das gilt natürlich nicht für alles. Über ein Argument denke ich z. B. besser in Sätzen nach als in Kästchen. Aber wenn das, was ich beurteilen muss, eine Form hat, dann brauche ich persönlich auch eine Form zur Beurteilung. Keine Listen und keine Textwüsten.

Was das Modell sichtbar machte

Was ich am 3D-Modell in Sekunden gefunden hab, hätte ich im Text vermutlich nie so schnell gefunden.

Hinten war eine kleine Öffnung für die Pumpenschläuche eingeplant. Im Modell hab ich gesehen: An die Pumpe käme man da nie wieder ran, ohne den kompletten und gefüllten Pool wieder auseinanderzunehmen. Mal eben Filter wechseln unmöglich. Wartbarkeit gleich null. Also raus mit dem Schlitz, rein mit einer großen Serviceöffnung.

Und die oberen Randdielen lagen nur auf einem schmalen Rahmenholz auf. Bei einer 12,5 Zentimeter breiten Diele wäre vielleicht ein Drittel abgestützt gewesen. Setzt sich da wer drauf, knackt es. Im Text wäre das eine Zahl gewesen, die ich überlesen hätte. Im Modell war es völlig offensichtlich. Lösung: ein breiterer Auflagebalken, damit die Diele ausreichend unterfüttert ist, statt auf einer schmalen Kante zu liegen.

Das 3D-Modell hat also nicht nur die gefälligere Optik sichergestellt. Es hat auch nebenbei Wartbarkeit und Statik verbessert. Das leistet kein Fließtext.

Erstens anders, zweitens als man denkt

Dann grätschte die Realität das nächste Mal rein. Diesmal nicht beim Maß, sondern beim Geld und beim Lieferzeitpunkt.

Der Holzhändler war zu teuer und hätte ewig gebraucht. Also stand ich spontan im Baumarkt und hab genommen, was da war: Kanthölzer, 80 mal 40 Millimeter, zweieinhalb Meter lang. Erst 15 Stück, später nochmal 5. Statt der geplanten Kombi aus 70er-Kanthölzern und 40-mal-60-Rahmen.

Klingt nach einer Kleinigkeit. War es nicht. Mit 80 mal 40 ändert sich ein wesentlicher Teil des Plans: nicht mehr quadratisch, also hochkant für die tragenden Teile oder flach als Auflage, andere Höhen, andere Verbindungen. Chat musste die komplette Unterkonstruktion nochmal neu durchrechnen. Pfostenhöhen, Querträger, Mengen.

Der Plan war jetzt schon zum zweiten Mal ein anderer als am Anfang. Und gebaut hatte ich noch immer nichts. Christin und die Jungs wurden langsam ungeduldig, die erste Hitzewelle des Jahres war schon angekündigt und der Pool war noch immer nicht einsatzbereit.

Ab auf die Baustelle

Und dann das mit den Ecken.

Quadratische Kanthölzer kann man an den Ecken sauber ausklinken, ineinanderlegen, verblatten. Sieht gut aus, hält gut. Bei 80 mal 40 ist das schwierig. 40 Millimeter sind wenig Fleisch. Klinkt man da was aus, schwächt man genau die Stelle, die später am meisten aushalten muss. Und an den Ecken laufen auch noch mehrere Enden zusammen. Einmal die Schraube zu enthusiastisch reingedreht, knack, neuer Balken, noch mal ausklinken.

Kein (KI-)Plan der Welt hatte mir das vorher gesagt. Ein Schreiner wahrscheinlich schon. Und ausgelacht hätte er mich wahrscheinlich auch. Gesehen hab ich als Laie das natürlich erst, als ich mit den zugeschnittenen Hölzern in der Hand davorstand. Genau der Moment vom Anfang.

Die pragmatische Lösung kam nicht vom Plan. Sie kam vom Davorstehen. Ich hab die Endstücke aufeinandergelegt statt ineinander, die Höhenunterschiede mit weiteren Stollen aufgefüllt und das Ganze auf drei Seiten quasi aufgedoppelt. Ergebnis: oben massiver, höher, mehr Auflage für die Dielen und keine geschwächten Ecken. Zufällig sogar ein bisschen stabiler als gedacht.

Chat durfte hinterher nochmal drüberschauen. Laufen die Lasten Holz auf Holz in die Pfosten? Sammelt sich irgendwo Wasser? Ist das gegen Verwindung ausgesteift? Alles berechtigte Fragen, alle hilfreich. Aber erkannt, entschieden und gesägt hab ich. Genau da, wo der Plan aufhörte und der Bau anfing zu antworten, war dann Ruhe im Karton. Und das war auch gut so.

Was das fürs Bauen mit KI-Agenten heißt

Und hier kommt das Gefühl vom Anfang wieder rein. Denn ich baue sowohl beruflich als auch privat Software mit KI. Dazu nutze ich Coding-Agenten, die einem mit Leichtigkeit ganze Codeberge vor die Füße kippen können. Das Muster ist exakt dasselbe.

Wenn so ein Agent fertig ist, kriege ich oft genau das, was ich beim Pool-Plan zuerst hatte: eine Textwüste. Einen riesigen Diff, eine seitenlange PR-Beschreibung, was alles geändert wurde. Und genau wie bei der Stückliste kann ich das schlecht beurteilen. Insbesondere dann, wenn ich mich zuvor gedanklich vom Entwicklungsprozess abgekoppelt habe. Nicht weil ich zu doof bin, sondern weil das, was ich verstehen muss (wie die Teile zusammenhängen), eine Struktur hat und keine flache Liste ist. Ein Stück Software ist räumliche Information, plattgedrückt in Zeilen.

Thariq von Anthropic hat das schön auf den Punkt gebracht. Er schreibt über das Arbeiten mit Claude Code:

„diffs and call-graphs are spatial information; markdown flattens them.“

Genau mein Pool-Plan-Problem, nur in Code.

Die Lösung ist dieselbe: nicht den Diff anstarren, sondern sich vom Agenten ein Medium bauen lassen, das man wirklich gut beurteilen kann. Gerenderte Screenshots im Review mit Notizen am Rand. Eine Karte der Bausteine als Kästchen und Pfeile, mit dem kritischen Pfad markiert. Ein laufendes Preview statt nacktem Code. Whatever. Und ja, mein 3D-Modell vom Pool war am Ende nichts anderes: eine Seite im Browser, die ein schnelles Urteil erst möglich gemacht hat. Ich hab das im Garten benutzt, bevor ich wusste, dass es auch ein brauchbares Muster für andere Situationen ist.

Ein Nebeneffekt, der mich überrascht hat: Wenn ich vorher sage, woran ich die Arbeit messen werde (also die Maße müssen stimmen, es muss statisch halten, etc.), dann optimiert der Agent von Anfang an darauf hin. Nicht erst am Schluss, wenn alles schon irgendwie steht.

Dass man es mit so einem Plan für Agenten auch komplett übertreiben kann, hab ich drüben im INNOQ-Blog schon mal ausführlicher aufgeschrieben. Die Learnings daraus spar ich mir an dieser Stelle. Mir geht es jetzt um den anderen Teil: das Format.

Was Chätti konnte und was nicht

Was war jut? Rechnen (srsly). Varianten durchspielen. Mir ein Modell bauen, an dem ich überhaupt rumdenken konnte. Meine Denkfehler sichtbar machen. Und nebenbei das ganze Projekt mitdokumentieren, ohne dass ich ein Bautagebuch führen musste.

Was nicht? Ein Tipp, dass 40 Millimeter zu dünn zum Ausklinken sind. Das Wissen, wie sich das Holz im Sommer dank Hitze und Poolwasser verzieht. Die Entscheidung, was jetzt wirklich gebaut wird und warum. Die hat mir keiner abgenommen.

„Hättest du das nicht auch mit Bleistift und Papier hingekriegt?“ Klar. War ja sogar auch die Ausgangsbasis. Aber wäre ich dabei geblieben, wäre ich definitiv langsamer gewesen und mit teureren Fehlern beglückt worden. Das ist aber gar nicht mein Punkt. Der Punkt war die Erkenntnis, dass ich aus einer Textwüste rausgekommen bin in etwas, das ich viel besser und schneller beurteilen konnte.

Ist das jetzt eine einzelne Bastelei, aus der ich zu viel ableite? Vielleicht. Aber das Kuriose ist ja: Dasselbe Muster sehe ich seit Monaten bei der Arbeit. Am Pool wurde es für mich nur zum ersten Mal so richtig greifbar.

Den Plan irgendwann Plan sein lassen

KI hat mir natürlich noch nicht den gesamten Pool-Bau abgenommen. So weit sind wir ja leider noch nicht. Aber in der Planungsphase ist sie schon jetzt Gold wert: Sie hilft, früh die richtigen Fragen zu stellen, wahnsinnig schnell die Löcher im eigenen Denkapparat zu finden und ein Modell zu bauen, auf dem man wirklich gut iterieren kann. Wichtig ist nur, dass man das Denken und Entscheiden nicht gleich mit abgibt. Die Reibung, sich an einem Problem abzuarbeiten, ist kein lästiger Umweg. Sie ist für mich wahnsinnig wertvoll und erhaltenswert.

Genau das kenne ich aus dem Code. Auch da nutze ich KI am liebsten, um mein mentales Modell zu schärfen, nicht um es zu ersetzen. Und in beiden Welten kommt irgendwann der Moment, an dem kein Plan mehr weiterhilft: Man muss ihn Plan sein lassen, ein Ende finden und ins Konkrete springen. Erst da zeigt die Realität, wo er trägt und wo nicht. Und ja, auch wenns knirscht, darf KI nochmal ran und schnell ein paar Alternativen auf den Tisch zaubern, an die ich vielleicht vorher noch nicht gedacht hab.

Der Pool steht jedenfalls inzwischen. Die Optik stimmt wieder im Garten. Die Jungs planschen, die Pumpe versteckt sich brav. Und wenn ich mich auf den Rand setze, knackt auch nichts. So wie es sein sollte.

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