Kreative Loopings: Wie und warum ich überhaupt Dinge baue
TL;DR
Mein Antrieb ist ein Loop. Neugier nachgehen, Erfahrungen sammeln, Ideen erzeugen, hyperfokussiert bauen, Feedback einholen. KI beschleunigt jede Phase davon und spaltet den Loop. Kleines mit klarem Ziel wird fertig, zu Ambitioniertes brennt durch. Als Antwort darauf entscheide ich jetzt bewusst, welche Reibung ich behalte und was ich überhaupt baue.
Ich sitze an einem Slide Deck für einen Vortrag, in dem ich ein bisschen was über meine innere Motivation erzählen will. Ich starre auf eine Folie mit zufällig gewählten Eigenschaften, die mich irgendwie antreiben, Dinge zu bauen.
Fünf Begriffe stehen da untereinander: Neugier, Erfahrungssammelwut, Ideenfluss, Hyperfokus, Feedbacksucht. Abgesehen von den wilden Wortkonstrukten erstmal nichts Ungewöhnliches. Eher eine Selbstbeschreibung, die man im Vorstellungsgespräch rausholt, damit andere eine grobe Vorstellung bekommen, wie man eigentlich tickt.
Dann schiebe ich die Begriffe hin und her. Aus dem ersten wird der zweite. Aus dem fünften wird wieder der erste. Und plötzlich raffe ich: Das sind gar keine zufälligen Punkte. Sie folgen aufeinander und schließen sich zu einem Kreis. Das Konstrukt ähnelt einer Maschine.
Neugier startet sie. Erfahrung füttert sie. Ideen setzen sie unter Strom. Hyperfokus treibt sie nach vorne. Feedback schließt den Kreis und zündet die nächste Iteration.
Was ich da aufgeschrieben hatte, war keine Tag-Wolke meines Naturells. Es war eine Erklärung, wie und warum ich ständig Dinge bauen muss.
Und leider auch eine sehr plausible Anleitung, wie ich mich immer wieder selbst vom Weg abbringe.
Der kreative Looping
Bei mir läuft dieser Loop ungefähr so:
Neugier. Irgendwo zuckt’s. Ein Problem aus der Familie, ein Blog Post, ein neues Tool, eine Bemerkung beim Kaffee. Mein Hirn meldet sich: Nice, das könnte was sein, guck dir das mal an. Wenn ich es nicht sofort ausprobieren kann, landet es erstmal in meiner Link-Halde namens Readwise.
Erfahrungssammelwut. Beim Ausprobieren bleibt meistens eine Erfahrung hängen. Hat das Tool funktioniert? Gefiel mir die UX? Hat mich der Artikel weitergebracht? Alles landet in einem inneren Erfahrungsbaukasten. Nicht besonders sauber sortiert, aber abrufbar.
Ideenfluss. Irgendwann verbinden sich Bausteine im Kasten, die vorher nichts miteinander zu tun hatten. Solche Verknüpfungen kommen von alleine und zu den unmöglichsten Zeitpunkten. Dann geht’s los: ganz schnell festhalten. Notiz-App, Sprachmemo, Zettel. Die Ideen, die ich weiterverfolge, sind nicht immer die besten. Aber es sind die, bei denen mein Kopf sofort anfängt zu spinnen.
Hyperfokus. Wenn so eine Idee einrastet, tauche ich ab. Stunden verschwinden. Ich baue, code, schreibe, klicke, recherchiere. Das ist mein produktivster Modus. Es ist aber auch der Modus, in dem ich für meine Mitmenschen nicht so richtig zugänglich bin. Tunnel eben.
Feedbacksucht. Ich baue nie im luftleeren Raum. Selbst wenn ich etwas primär für mich schaffe, brauche ich externe Validierung. Sobald etwas Greifbares da ist, muss es raus. Christin zeigen. Kolleg:innen schicken. Max draufklicken lassen. Das ist für mich der Lohn, ganz egal ob das Feedback positiv, konstruktiv oder negativ ausfällt.
Dieses Feedback ist dann auch gleichzeitig der nächste Trigger.
„Cool, hast du auch schon mal …?“
„Funktioniert das auch für …?“
„Ich hätte da eine Idee …“
Dann zuckt’s wieder. Looping vollendet, nächste Runde.
Das erklärt ziemlich viel. Warum ich privat ständig irgendwas baue. Warum mich abgebrochene Projekte trotzdem noch so lange beschäftigen. Warum Feedback so wichtig für mich ist. Hatte ich schon erwähnt, dass ich als Kind fast ausschließlich mit Lego gespielt habe?
In Dauerflut ohne Ebbe habe ich festgehalten, wie früher (vor KI) nach intensiven Phasen des Bauens automatisch ein Tal kam. Die Mühe beim Bauen war anstrengend und hat mich nach einer gewissen Zeit einfach ausgebremst. Nicht geplant, aber wirksam.
Mein Loop lief höchstens mal warm, aber niemals heiß.
Diese Maschine hat allerdings Nebenwirkungen. Die größte hat einen eigenen Ordner in meinem Kopf.
Mein Friedhof ist kein Zufall
Der Ordner heißt seit Kurzem Friedhof der Pet-Projects. Eine endlose Liste an Privat-Projektchen, deren Erwähnung ich mir hier besser spare. Alle haben gemeinsam, dass sie weder öffentlich noch erfolgreich geworden sind.
Lange habe ich solche Abbrüche als persönliche Schwäche verstanden. Ich ziehe Dinge nicht durch. Die letzten 20 Prozent kriege ich nicht sauber fertig. Im Post Projekte sterben lassen habe ich darüber geschrieben, da ging es aber vor allem ums mentale Loslassen. Jetzt sehe ich eine Schicht darunter.
Der Friedhof ist kein zufälliges Durcheinander. Er ist ein Symptom des Loops.
Sobald das Investment fürs laufende Projekt zu groß wird, kippt meine Stimmung. Die letzte Meile zieht sich. Der App-Store-Release nervt. Irgendwo fehlen noch Marketingtexte und passende Screenshots. Und gleichzeitig ist irgendwo ein neuer Trigger aufgetaucht, der frischer riecht, schneller belohnt und keine Altlasten mitschleppt.
Dann gewinnt der neue Loop.
Nicht weil ich bewusst entscheide, etwas verschimmeln zu lassen. Es passiert leiser. Die alte Idee verliert Temperatur und die neue wird hot. Anstrengung jetzt gegen Aussicht auf den nächsten Reward: Wenn der nächste Reward sichtbarer und leichter erreichbar ist, gewinnt er. Leider ziemlich zuverlässig.
Das könnte man als Willensschwäche auslegen. Ich glaube inzwischen, es ist eher eine Mechanik dieses Loops, aus der ich nur sehr, sehr schwer ausbrechen kann.
Ich hooke mich selbst
Dieser Zyklus hat mich an ein Buch erinnert, das ich vor einigen Jahren gelesen habe: Nir Eyals Hooked. Eyal beschreibt darin, wie Produkte zur Gewohnheit werden: Trigger, Action, variabler Reward, Investment, neuer Trigger. Geschrieben hat er das Modell für Produktdesigner, die Menschen an ihre Produkte binden wollen (sehr lesenswert übrigens).
Mein Loop läuft auf exakt derselben Psychologie. Neugier triggert. Bauen ist die Action. Feedback ist der unberechenbare Reward. Und jedes halbfertige Repo erhöht das Investment. Ich habe mich abhängig gemacht von meinem eigenen Drang, etwas zu bauen.
Ich brauche keine Slot Machine.
Mein Hirn ist eine.
Yay.
Jahrelang ist das trotzdem gut gegangen. Mein Loop war eine ziemlich brauchbare Maschine, um kreativ zu sein und zu lernen. Bis eine Technologie dazukam, die jeden einzelnen Schritt darin beschleunigt.
Was KI mit meinem Looping macht
KI ist natürlich nicht der erste Trigger in meinem Leben. Vorher gab es Twitter, Hacker News, Newsletter, YouTube-Talks, Product Hunt, Slack-Threads. Neuheit war nie knapp.
Die Pointe daran ist mir erst jetzt aufgefallen: Genau diese Produkte sind nach Eyals Playbook gebaut. Sie instrumentieren den Hooked-Loop so perfekt, dass man nicht mehr rauskommt. Mein innerer Loop hatte also schon immer professionelle Zulieferer.
Neu ist, dass KI nicht nur die Trigger verstärkt, sondern den ganzen Loop.
Trigger kommen schneller. Neue Modelle, neue Tools, neue Agenten-Workflows. Jede Woche fühlt sich an wie ein fettes Betriebssystem-Update für die ganze Welt. FOMO hoch 100.
Action wird leichter. Früher musste ich zwei Abende investieren, um eine Idee überhaupt zeigbar zu machen. Heute reichen oft ein paar scharfe Prompts und eine Stunde Fokus.
Reward kommt sofort. Klickbarer Prototyp in Minuten. Mal großartig, mal komplett Schrott, meistens irgendwas dazwischen. Genau diese Unberechenbarkeit ist Teil des Reizes.
Investment sammelt sich unsichtbar. Prompts, Skills, Notizen, ein Dutzend neue Domains, halbfertige Repos, die „fast schon funktionieren“. Alles fühlt sich nach Fortschritt an.
Das Resultat: Ich habe selten nur einen Loop offen.
Das liegt an einer Verschiebung, die subtiler ist als die vier Punkte oben. Der Bauen-Teil gehört nicht mehr mir. Während ein Coding Agent rödelt, kann ich nichts Sinnvolles tun außer warten. Also greife ich nur noch kurz in den Loop rein: gucken, wo er steht, Kontext wieder aufbauen, Rad antreten, raus. Und in der Wartezeit mache ich halt was anderes. Sprich: Ich öffne den nächsten Loop.
Energetisch ist das ein Albtraum. Jeder Wechsel zwischen Loops kostet einen Kontext-Switch, und Kontext-Switches verbrennen meine mentale Energie viel schneller als alles andere. Warum mich das abends manchmal total leer zurücklässt, steht in der Dauerflut.
Trotzdem ist parallel manchmal okay. Es gibt Arbeit, die erledigt werden muss, aber kein Verstehen von mir verlangt: Boilerplate, Setup, Konfiguration, Ochsenarbeit. Diese dumme Reibung (incidental friction) darf KI mir gerne abnehmen. Solche Loops kann ich problemlos parallel laufen lassen.
Aber es gibt eine zweite Sorte Reibung. Die entsteht, wenn ich mich an einem Problem mental abarbeite, Widersprüche aushalte, ein mentales Modell aufbaue (ambiguous friction). Das ist die Reibung, an der ich wachse. Und für die gilt das Gegenteil von parallel: ein Loop. Genau einer. Kurzer Feedback-Zyklus, volle Konzentration, im besten Fall Flow. Hyperfokus kriege ich nicht, indem ich zwanzig Loops gleichzeitig befeuere. Ich kriege ihn nur, wenn ich mich bewusst in einen einzigen fallen lasse.
Diese zweite Sorte Reibung hat einen versteckten Preis, wenn ich sie wegdelegiere. Er heißt Cognitive Debt: Verstehen, das nicht aufgebaut wird oder mit der Zeit wegbröselt. Wie sich solche Schulden in Teams und Code aufstauen, habe ich in Von der Manufaktur zur Fabrik auseinandergenommen. Hier interessiert mich aber die Variante, die im eigenen Kopf entsteht.
Wie ich dank Daniel weiß, nennt die Psychologie den Schritt, der Können aufbaut, Elaboration: neues Wissen nicht nur aufnehmen, sondern mit vorhandenem verknüpfen. Genau diesen Schritt kann KI ganz hervorragend überspringen. Der Code läuft. Das UI sieht gut aus. Das Hirn bekommt seinen Reward. Nur das Verstehen ist leider nicht mitgewachsen. Ich merke das, wenn ich zwei Wochen später in ein Repo gucke, das „ich“ gebaut habe, und erstmal den Agenten fragen muss, wie was funktioniert.
Hook und Schulden greifen dabei ineinander. Der Hook beschleunigt die Runden. Jede Runde kann Elaboration überspringen. Und das Investment, das früher ins eigene Verstehen floss, fließt jetzt nur noch in den nächsten Prompt. Wer jede Reibung wegoptimiert, entscheidet unbewusst, bestimmte Dinge nie zu lernen. Ich will das bewusst entscheiden. Und die Reibung behalten, an der ich wachse.
KI spaltet den Loop
Vor ein paar Tagen stolpere ich über einen Blogpost und denke: Wow, das kommt mir sehr bekannt vor.
David Wilson hat mit KI über fünfzig Projekte gebaut. Fast alle tot. Genau ein Ding läuft noch: ein kommerzielles SaaS. Der Rest liegt auf dem Friedhof. Er nennt das, mit Cal Newports Begriff, Pseudo-Produktivität: Reibungsarme Tools erhöhen die sichtbare Aktivität und senken gleichzeitig die fokussierte Arbeit. Sein Merksatz:
friction = focus, focus = product.
Reibung weg, Fokus weg, Ergebnis weg. KI ist für ihn ein „thermonuclear ADHD amplifier“. Ein starkes Bild, wie ich finde. Seine Konsequenz ist Abo kündigen. Reibung wiederherstellen, indem man das Werkzeug wegnimmt.
Ich verstehe den Impuls total. An manchen Abenden teile ich ihn. Aber bei mir stimmt die Prämisse nicht. Bei mir stirbt nicht alles.
Witzblitz ist fertig. Im App Store, in Benutzung. Der Familien-Agent, der unsere Dokumente und Notizen einsammelt, sortiert und in unserer Cloud ablegt: läuft bei uns. Das Journal-Setup, das weiter unten noch vorkommt: täglich im Einsatz. Seit KI wird ein größerer Teil meines mentalen Backlogs fertig als jemals zuvor.
Das ist der Punkt, den ich lange übersehen hatte. KI macht meinen Loop nicht einfach nur schlimmer. Sie spaltet ihn. Ein Teil meiner Projekte kommt schneller und sauberer ans Ziel als je zuvor. Ein anderer Teil heizt sich auf, brennt durch und landet noch schneller auf dem Friedhof.
Und wenn ich genauer hingucke, verläuft der Riss nicht zufällig. Er verläuft genau da, wo eine Entscheidung fehlt.
Früher hat der Aufwand für mich vorsortiert. Eine Idee musste mir zwei Abende wert sein, bevor überhaupt Code entstand. Diese Schwelle ist weg. Heute kann ich jede Idee bauen. Und genau deshalb baue ich plötzlich auch Ideen, über die ich nie bewusst entschieden habe. Wilsons E-Müll entsteht glaube ich primär, weil Bauen billiger geworden ist als das Nachdenken über das Bauen, nicht, weil KI außschlißelich schlechten Code schreibt.
Können ist für manche Pet-Projects nicht mehr der Engpass. Entscheiden ist es.
Die Fragen, die ich mir vor dem Bauen stellen will, sind simpel: Lohnt sich das? Für wen baue ich das? Was will ich hier eigentlich herausfinden? Und was bewusst nicht?
Witzblitz ist, nüchtern betrachtet, eine Trivialität. So simpel und billig, dass die meisten Menschen gar nicht auf die Idee kämen, so etwas zu bauen. Es gibt tausend fertige Witze-Apps. Ich hatte schon Sorge, dass die App im Store abgelehnt wird, weil sie fast nichts tut. Aber die Entscheidung war bewusst. Ich wollte herausfinden, ob ein Fünfjähriger die App allein bedienen kann und sich dabei kaputtlacht. Wie man mit React Native eine App baut, war mir dabei herzlich egal. Und ich wollte Max etwas zeigen: Wir beide können das, was in unserer Vorstellung ist, wahr werden lassen. Die tausend fertigen Apps sind alle irrelevant, weil sie nicht unsere sind. Das ist dasselbe Prinzip wie beim Opa, der mit dem Enkel in der Werkstatt einen Stuhl baut. Den Stuhl gäbe es bei IKEA schneller und billiger. Aber zu dem selbstgebauten hat man eine Beziehung, auch wenn man beim Schaffensprozess ein paar Abkürzungen genommen hat.
Und der Friedhof? Wenn die Entscheidung vorher bewusst war, ist ein gestorbenes Projekt auch kein Müll. Es ist ein geschlossener Lern-Loop. Ich habe etwas gebaut, schnell validiert und gelernt: Die Idee trägt nicht. Oder sie war am Ziel vorbei. Oder ich habe ihr mehr Wert beigemessen, als sie hatte. Das ist keine Pseudo-Produktivität. Das ist für mich ein Learning zum kleinen Preis. Wenn KI mir hilft, solche Lern-Loops schneller zu schließen, sammeln sich zwangsläufig mehr beerdigte Projekte an. Aber eben auch mehr Learnings.
Der Hobby-Hustle-Haken
Einen zweiten Riss hat mir Anne-Laure Le Cunffs vorletzter Newsletter The Hobby-Hustle Trap offenbart. Sie beschreibt darin, wie ein Hobby umkippt, sobald es nicht mehr zweckfrei sein darf. Sobald jede private Beschäftigung potenziell ein Produkt, ein Kanal oder ein „könnte man doch mal monetarisieren“ wird, verliert sie etwas.
Das kommt mir sehr bekannt vor. Mein Loop baut nicht nur. Er sucht auch sofort nach der nächsten Form. App? Blogpost? Talk? Repo? Aus „Ich probiere das mal aus“ wird „Das müsste man eigentlich mal richtig aufgleisen“. Aus einem Abend Basteln wird eine Content-Pipeline. Aus Lernen wird Output.
Das ist nicht immer falsch. Dieser Blog existiert genau deshalb, weil ich Dinge baue und dann darüber schreibe. Aber es gibt eine Grenze. Wenn jeder Loop verwertbar werden muss, stirbt der Raum zum sinnlosen Rumspielen. Dann baue ich nicht mehr, um etwas herauszufinden. Dann baue ich, um etwas nachzuweisen.
Genau hier verläuft die Trennlinie zwischen meinen beiden Haufen. Witzblitz musste nie etwas beweisen. Manche Projekte auf dem Friedhof dagegen sollten irgendwann mehr sein: ein Produkt, ein Markt, ein „das könnte man doch“. Sobald dieser Anspruch reinkommt, wird die letzte Meile zur Hustle-Meile. Und vor der rennt mein Loop zuverlässig weg.
Eigentlich ist das derselbe Riss wie eben. Der Verwertungsanspruch ist genau die Entscheidung, die ich nie bewusst getroffen habe. Aus „ich probiere das mal aus“ wird stillschweigend ein Produktziel, das Ziel wird diffus, der Reward rückt in die Ferne, und der Loop verliert das, was ihn am Laufen hält. Hustle ist unentschiedenes Bauen.
Die Vorstellung, aus dem Hobby ein Business zu machen, habe ich für mich deshalb beerdigt. Zumindest im Solo-Modus. Der Teil, der aus einem Projekt ein Business macht — Marketing, Wartung, Politur, ein Unternehmen aufbauen — ist genau der, vor dem mein Loop zuverlässig flieht. Da hilft (mir) auch kein Tool und keine Automation. Da helfen nur mehrere menschliche Schultern.
Was stattdessen übrig bleibt, gefällt mir besser: kleine, süße Dinge. Klein, in sich geschlossen, exakt auf uns zugeschnitten. Nicht monetarisiert, weil es schlicht keinen Grund dafür gibt. Eine kleine Lösung, die genau passt und zu der ich eine Beziehung habe, schlägt die große generische von der Stange, die nur zur Hälfte passt und die ich erstmal lernen muss.
Ein Ergebnis will ich trotzdem. Ich baue nicht des Codens wegen. Nur ist das Ergebnis, das ich will, kein Geld. Es ist Resonanz: Christin zeigen, Kolleg:innen schicken, Max draufklicken lassen.
Was ich dagegen versuche
Eine fertige Methode habe ich nicht. Ich habe Versuche.
Witzigerweise liefert ausgerechnet der Mann das Gegenmittel, der mir vorhin den Spiegel vorgehalten hat. Nir Eyal hat nach Hooked ein zweites Buch geschrieben: Indistractable. Das eine erklärt, wie man Menschen an Loops bindet. Das andere, wie man sich wieder von ihnen löst.
Zwei Gedanken daraus nehme ich mit. Erstens: Das Gegenteil von Ablenkung ist nicht Fokus, sondern Traction. Also das, was dich zu deinen Zielen hin zieht, statt weg davon. Ein Loop ist nicht per se gut oder schlecht. Die einzige Frage ist, wohin mich diese eine Runde zieht. Zweitens: Der Sprung zum frischeren Trigger an der letzten Meile ist eben keine Willensschwäche. Er ist Flucht vor dem unangenehmen Gefühl der zähen letzten 20 Prozent. Das klingt erstmal nur nach einer netteren Formulierung. Für mich ändert es aber einiges an der Einstellung dazu: Ich kann an der Mechanik arbeiten, statt mich für meinen Charakter zu geißeln.
Das gibt mir Hoffnung und auch Motivation die Mechanik des Loops umzubauen. Meine ersten Bemühungen sind folgende:
Ideen parken und reifen lassen. Mein Reflex ist, jede Idee sofort zu bauen. Stattdessen schreibe ich sie auf und lasse sie liegen. Sobald sie fix irgendwo steht, verflüchtigt sie sich nicht mehr, und ich muss dem Drang nicht sofort nachgeben. Die meisten Ideen sehen nach zwei Wochen erstaunlich klein aus. Die guten überleben das Warten. Für den Akutfall gibt es die 10-Minuten-Regel: Zuckt mitten im laufenden Projekt ein neuer Trigger, kommt er auf die Später-Liste, und ich arbeite erst zehn Minuten weiter, bevor ein Pivot überhaupt erlaubt ist. Meistens verebbt der Impuls vorher von selbst.
Reibung zurück in die Schnittstelle. In meiner `CLAUDE.md` steht inzwischen eine Regel, die direkt aus dem Elaboration-Gedanken kommt: Bevor der Agent Code liefert, fragt er nach meinem mentalen Modell. Wie würde ich das angehen? Welche Teile raffe ich schon? Wenn ich dann sage „ich hab’s verstanden, mach einfach“, macht er auch. Aber allein die eine Frage reicht manchmal, damit ich merke: Ich delegiere gerade keine Arbeit. Ich delegiere Verständnis. Man könnte das mit dem Navi im Auto vergleichen: im North-up-Modus fahren, Karte fest, Norden immer oben. Das fördert das räumliche Verständnis, indem man selbst mitdenkt, wo man gerade ist, statt sich nur vom rotierenden Pfeil schieben zu lassen. So würde ich mein Navi zwar nie einstellen, aber das Prinzip trifft es. Nicht die Automatik komplett abschalten. Nur einen Mittelweg finden, der mich noch genug mitdenken lässt, so dass Fähigkeiten, die mir persönlich wichtig sind nicht komplett veröden.
Nur ein heißer Loop. Cal Newport nennt das unaufgeregt „do fewer things“. Genau ein aktiver Loop für alles, was mehrdeutige Reibung enthält. Alles Neue landet auf einer sichtbaren Warteliste, nicht im Kopf und nicht im Repo. Davor steht ein Check, den ich mir längst angewöhnt hatte, ohne das Wort Traction dafür zu kennen: „Was lerne ich noch, wenn KI 80 Prozent davon macht?“ Wenn die Antwort „nix“ ist, gibt es zwei Optionen. Ohne KI machen. Oder gar nicht machen. Beides ist unangenehm, aber vermutlich besser so.
Eine scharfe Done-Bedingung. Vor dem Start eines Projekts ein einziger Satz: „Fertig ist, wenn _.“ Bei Witzblitz war das: wenn Max lacht. Csíkszentmihályi sagt, Flow braucht ein klares Ziel und sofortiges Feedback. Die Done-Bedingung gibt dem Loop beides und blockt stillen Drift in Richtungen wie „könnte man doch auch monetarisieren“.
Loops schließen statt heiß werden lassen. Der Friedhof ist unvermeidbar, ich kann nicht alles bauen. Also beerdige ich bewusst statt stillschweigend: drei Sätze pro Projekt. Was war die Idee. Warum stirbt sie. Was nehme ich mit. Das Learning von oben, zack, festgehalten. Und im Kleinen jeden Abend: Jeder offene Loop wird geschlossen, getimeboxt oder beerdigt. Nie einfach heiß stehen gelassen, sonst nagt er weiter im Kopf, auch wenn der Laptop längst zu ist. Was im Hyperfokus hängen geblieben ist, spreche ich vorher noch ins Journal. KI räumt dann das, was ich denke, direkt so weg, dass ich es in zwei Wochen noch wiederfinde.
Das ist vielleicht der wichtigste Dreh an der Sache: KI kann den Loop beschleunigen. Sie kann ihn aber auch schließen helfen. Es liegt an der Kopplung.
Was das alles nicht ist
Das ist kein AI Detox. Ich kündige mein Abo nicht.
Das wäre der einfache Weg. Werkzeug weg, Reibung zurück, Problem gelöst. Aber es würde auch den Teil meines Loops killen, der gerade besser läuft als je zuvor. Der erste Post in meinem Blog hieß nicht zufällig Warum dieser Blog mit KI geschrieben wird und trotzdem meiner ist. Ich nutze KI überall, wo sie mir hilft.
Was ich verändere, ist nicht die Menge. Ich verändere die Schnittstelle. Weniger „mach mal“. Mehr „hilf mir, das sauber zu durchdenken“.
Ob das reicht, weiß ich nicht. Reibung an manchen Stellen künstlich wieder einzubauen ist eine Wette gegen den eigenen Bequemlichkeitsreflex. Eine Wette, die ich jeden Abend neu eingehe und oft genug verliere.
Aber ich habe jetzt ein Modell, mit dem ich verstehe, warum es so verflucht schwer ist. Vor der Vortrags-Folie hatte ich fünf zufällige Eigenschaften. Jetzt sehe ich den Looping.
Mein Loop ist gut, wenn ich ihn kühl halten kann. KI ist gut, wenn ich sie an die richtige Stelle kopple. Und von den zehn Ideen, die ich an einem guten Tag habe, verdient es vielleicht eine, gebaut zu werden.
Welche das ist, ist die eine Entscheidung, die ich nicht delegiere.
Jeden Abend neu.
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