Projekte sterben lassen
TL;DR
Vier tote Projekte auf meiner Festplatte. Jahrelang hab ich sie ignoriert. Jetzt mach ich was anderes damit.
Irgendwo auf meiner Festplatte liegt ein Ordner namens tannr. Darin: eine fertige, aber veraltete iOS-App, die die Zeit bis zum Sonnenbrand berechnet – Hauttyp, Bewölkung, Höhe, LSF. Die App war vor Urzeiten mal im App Store. Mit echten Reviews und echten Downloads. Und dann hab ich festgestellt, dass ich dasselbe auch als Apple Shortcut bauen kann.
Daneben liegt fynd.kids – eine App, die QR-Codes mit Eltern-Kontaktdaten generiert, zum Einkleben in Kinderklamotten. Zu 80 Prozent fertig. Funktioniert für uns via TestFlight. Aber dann kam das nächste Projekt, und die berühmten letzten 20 Prozent sind nie passiert.
Dann gibts noch Swell – ein Mini-Game das Wellereiten aufs Handy bringt, mit prozedural generierten Wellen und Steuerung übers Kippen vom Handy. Die Features und User Stories waren zusammen, der Prototyp lief. Aber die Wasserphysik sah nie gut genug aus, und dann wurde es mir zu aufwendig.

Und Family Coach – eine App mit KI-Coaches für schnellen Rat bei verschiedenen Familienthemen, wie kindgerechter Kommunikation und gewaltfreie Sprache, Freizeitaktivitäten Planung für zwei sehr aktive Jungs, usw. Im Prinzip sind's aber nur spezielle Prompts für KI-Agenten. Hab ich mir dann erst als Custom GPTs in ChatGPT eingebaut. Und dann als Skills in Claude portiert. Reicht uns völlig. Brauchte gar kein Produkt.
Das ist mein Friedhof der Pet-Projects. Und da ruhen natürlich noch deutlich mehr Projekte als die vier hier genannten.
Das Märchen
„Real makers find the time.” – Ich hab diesen Satz so oder so ähnlich schon so oft gelesen. Irgendwann hab ich angefangen zu glauben, ich sei einfach nicht gebaut dafür. Bis spät in die Nacht coden ist einfach nicht drin, wenn meine zwei Jungs morgens um 6:30 auf mir drauf sitzen.
Die Geschichte, die erzählt wird, ist immer dieselbe: Irgendein Typ, irgendein Side Project, irgendein Exit. Und am Ende kommt die Moral: Wer will, der findet die Zeit. Wer das nicht kann, will scheinbar nicht doll genug und sucht Ausreden.
Was die Geschichte nicht erzählt: der Kontext in dem solche Projekte entstehen. Wie alt die Kinder waren. Wer die Hauptlast des Familienalltags getragen hat. Ob da ein Netzwerk war, das den Rest aufgefangen hat. Ob es schlicht die Ausnahme ist, die man hinterher zur Regel erklärt – weil die Ausnahmen überleben, und die anderen einfach leise aufhören.
Survivorship Bias. Trotzdem wirkt er.
Und dann schwingt oft noch der wohlmeinende Einwand mit: „Wart doch noch fünf Jahre. Wenn die Kinder größer sind, hast du wieder mehr Zeit”. Jaja, vielleicht. Ich hoffe es zumindest. Aber ich habe mir sagen lassen, auch große Kinder brauchen Aufmerksamkeit, nur eben andere als Kleinkinder – weniger wird es sicher nicht.
Fear of missing out
Egal ob auf Twitter, Reddit oder Insta – überall begegne ich Stories von Leuten die angeblich „nebenbei” fünfstellige Monatsumsätze mit ihren Projekten machen. „You can't lose if you don't quit.” oder „How to stay poor: Start tomorrow.” Der Feed ist voll davon. Und mein erster Impuls ist bei sowas meist nicht Survivorship Bias, sondern „Warum krieg ich das eigentlich nicht hin?”.
Obwohl ich eigentlich weiß, dass es in den seltensten Fällen so abläuft wie dargestellt, falle ich immer wieder drauf rein. Ich hab schon immer mit FOMO zu kämpfen gehabt, egal ob früher beim Sammeln von Panini-Bildern, implodierenden Kryptowährungen oder dem Horten von Pet-Projects. Das ist also eher eine individuelle Schwäche, nicht die der Algorithmen in meinem Feed.
Ich vermute, dass die Verkabelung meines Hirns da auch mitmischt. Die Forschung dazu ist dünn, aber was ich daraus für mich ableite: Impulskontrolle, Aufmerksamkeitssteuerung, sich selbst sagen „das brauch ich nicht” — das sind alles Funktionen, die bei neurodivergenten Hirnen oft schwächer ausgeprägt sein können. Ich habe nicht etwa stärkeren FOMO als andere, sondern ich habe einfach keine Bremse dagegen.
Mein neuer Vorsatz ist inzwischen ein ähnlicher wie bei Impulskäufen: Kein neues Projekt sofort anfangen, sondern 48 Stunden warten. Erst wenn der Dopamin-Kick vom Neuheitsreiz weg ist, fällt die Entscheidung etwas zu bauen oder nicht. Ob ich das durchhalte, wird sich noch zeigen.
Die Realität
Für einen Side Hustle haben wir eigentlich eine ziemlich privilegierte Ausgangslage. Ich arbeite momentan 32 Stunden die Woche, meistens von zu Hause. Christin 20 Stunden. Zwei kleine Kinder, Homeoffice, wenig Pendeln. Auf dem Papier klingt das nach Luft ohne Ende.
Aber das, was nach dem ganzen Wochen-Programm der Kinder dafür übrig bleibt, ist fragmentiert. Vielleicht 4-5 Stunden pro Woche, verteilt auf Fetzen von 30 bis 90 Minuten. Und davon gehen die ersten 10 Minuten für Ramp-up drauf: Wo war ich nochmal? Was wollte ich machen? Wo hatte ich noch offene Loops zu schließen?
Wenn es bei mir nicht aufgeht – und ich hab wirklich eine komfortable Situation – dann geht die „Ship or die“-Erzählung für andere Side Hustle Familien noch viel weniger auf.
Gut genug ist oft genug
Ich unterscheide mittlerweile zwischen zwei Modi für mich: Build to learn und Build to earn.
Build to learn bedeutet: Ich baue, um etwas zu lernen. Das Produkt ist nebensächlich – der Prozess ist der Punkt. Das Ergebnis darf hässlich sein, darf unfertig sein, darf nur für mich funktionieren. Das ist gerade genau der richtige Modus für mich.
Build to earn bedeutet: Ich baue, um Nutzer:innen zu gewinnen. Onboarding muss funktionieren. Das Ding muss stabil laufen. Marketing muss her. Das ist legitim. Aber es ist ein anderes Spiel, mit anderen Regeln und viel mehr Aufwand.
Für viele meiner ersten Projekte war meine Ambition Build to earn. Ein paar Apps haben es zwar in den App Store geschafft. Aber der Aufwand, das ganze Zeug zu pflegen und zum Wachsen zu bringen, stand in keinem Verhältnis zu den paar Stunden pro Woche, die mir realistisch zur Verfügung stehen.
Früher hab ich mich gefragt: „Wie kann ich damit möglichst schnell Geld verdienen?” Jetzt: „Hab ich dabei etwas gelernt und etwas geschaffen, das mich und meine Familie weiterbringt?” Die zweite Frage kann ich mittlerweile immer mit Ja beantworten. Die erste stellt sich mir kaum noch.
Loslassen
Lange hab ich tote Projekte einfach ignoriert. Aus den Augen aus dem Sinn. Den Ordner nicht mehr geöffnet. Nicht hingeschaut. Die Projekte waren aber trotzdem noch da.
Bluma Zeigarnik hat schon 1927 beobachtet, dass unterbrochene Aufgaben im Gedächtnis aktiver bleiben als abgeschlossene. Der Kopf hält offene Aufgaben warm, falls du zurückkommst. Er tut das auch dann, wenn du nicht zurückkommst. Wer also viele offene Projekte im Kopf hat, denkt auch dann daran, wenn er eigentlich frei ist.
Vier halb tote Projekte auf der Festplatte heißen vier offene Schleifen im Kopf. Nicht dramatisch, nicht lähmend. Aber da. Im Hintergrund. Jedes Mal wenn ich ein neues Projekt anfange, summieren sie leise mit.
Es gibt zwei Arten, wie ein Projekt endet. Die eine: Es fault still vor sich hin. Du öffnest den Ordner seltener. Dann nie. Das Projekt hört nicht auf – es existiert einfach als offene Wunde, die du nicht mehr anschaust. Oder du machst es ganz bewusst zu.
Irgendwann hab ich aufgehört, das als Versagen zu sehen. Nicht jedes Projekt muss fertig werden. Nicht jedes Projekt, das stirbt, ist gescheitert. Manche haben ihren Zweck erfüllt – ich hab immer etwas gelernt, oder die Idee hat eine bessere Form gefunden. Das zu akzeptieren war für mich der schwierigste Teil. Nicht die fehlende Zeit, nicht die fehlende Disziplin – sondern sich selbst die Erlaubnis zu gebe, aufzuhören.
Wenn ich auf die vier Projekte vom Anfang schaue: Die Gründe sind alle verschieden. Tannr hat ein besseres Werkzeug gefunden – nicht gescheitert, verdrängt. fynd.kids war zu 80 Prozent fertig – funktioniert für uns, aber dann kam was Neues. Swell ist an der eigenen Ambition gescheitert – Wasserphysik, die nicht gut genug aussah, in einem Projekt, das „gut genug” nicht akzeptiert hat. Family Coach hat seine richtige Form gefunden – nicht als Produkt, sondern eingebaut in das, was ich ohnehin nutze.
Keins davon war umsonst. Aber alle vier haben lang im Kopf gerottet, weil ich sie nie bewusst zugemacht hab.
Jetzt mach ich das anders. Wenn ich merke, dass ich seit drei Wochen nicht mehr drangegangen bin und auch nicht vorhabe, das bald zu tun: Dann öffne ich noch mal das README, oder mache zumindest eine neue Notiz, und schreibe drei Sätze. Was wollte ich bauen. Was ich dabei gelernt habe. Warum höre ich auf.
Keine bewiesene Methode. Zeigarnik hat gezeigt, dass abgeschlossene Aufgaben das Arbeitsgedächtnis verlassen. Ob die drei popeligen Sätze reichen, um das auszulösen, weiß ich nicht. Aber es fühlt sich schon mal besser an als Ignorieren.
Es ist ein bisschen wie mit den unzähligen Bildern meiner Jungs. Wegschmeißen will mans nicht, aber ein Bild, das ich auf den Stapel lege und in der Ecke verrotten lasse ist auch nicht viel besser. Am besten ist es doch, wenn ich's nochmal raushole, es in einen schönen Rahmen spanne und feierlich an die Wand hänge. Zu den anderen, die da schon hängen. Ab und zu schaue ich noch mal hin und sehe, was da war und erinnere mich im Guten dran.
Am Anfang dieses Posts hab ich „Friedhof” geschrieben. Eigentlich ist es eher eine Galerie. fynd.kids hat schon seinen Platz auf der Projektseite bekommen. Und die anderen folgen ebenfalls irgendwann.
Was bleibt
To become great, you gotta be bad for a very long time. — Alex Hormozi
Selbst wenn es bei mir nie über „bad” hinausgeht: auch okay. Mir ist mittlerweile wichtiger, was ich Max und Felix vorlebe. Was ich selbst dabei lerne. Wie ich nervige Dinge im Familienalltag mit einer cleveren Lösung aus dem Weg räume.
Mein Kollege Sven bei INNOQ hat das Motto: Guaranteed Audience of One. Wenn ihn ein Thema interessiert, interessiert es bestimmt auch andere. Deshalb ist er auch mit Leidenschaft Podcast-Host.
In meinem Fall ist es beim Bauen von Dingen die Guaranteed Audience of Four. Und wenns mehr werden, um so besser. Das ist, was übrig bleibt, wenn ich die Illusionen raus rechne.
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