Eine App für Pun-Connaisseure

Projekt: WitzBlitz

TL;DR

350 deutsche Flachwitze, vorgelesen auf Knopfdruck. Offline, werbefrei, ein Button. Max (6) war Cheftester.

„Papa, erzähl mir einen Witz!“ Max sitzt hinten im Auto, die Fahrt zieht sich, und ich hab nach fünf Minuten mein komplettes Repertoire an kindgerechten Witzen verbraucht. Drei Witze. Das war‘s.

Und wenn ein 6-Jähriger einen Witz will, will er ihn sofort. Nicht erst in fünf Minuten, nachdem Mama auf der Beifahrerseite ein paar neue gegoogelt hat. Jetzt. Und er merkt sich auch jeden einzelnen. Es muss ständig Nachschub her. ChatGPT hilft da leider auch nicht, die generierten Witze sind super unlustig.

Also haben wir angefangen, Witze auf Vorrat zu sammeln. Und daraus ist dann eine App entstanden. Zusammen mit Max.

Witze sammeln

Max brauchte Nachschub, also haben wir überall Witze zusammengetragen. Wir haben ein paar Witzebücher durchgeblättert. Die Oma schickt uns bis heute Flachwitze aus der Zeitung. Ich hab natürlich sofort mit ChatGPTs Deep-Research-Funktion das Internet nach altersgerechten Flachwitzen durchforsten lassen. Und mein Kollege Markus von INNOQ hat mir auf einem Event eine großartige Open-Source-Witzesammlung auf GitHub empfohlen.

So hat sich erstmal ein großer Notizzettel mit handverlesenen Flachwitzen gefüllt, den wir Max immerhin schon vorlesen konnten. Aber vorlesen geht halt nicht immer. Im Auto zum Beispiel, wenn du fährst. Kleine Kostprobe?

Wie nennt man Nudeln, in die ein Wackelzahn fällt? Zahnpasta

Harter Tobak, ich weiß. Und da kam die Idee: Wäre es nicht großartig, wenn Max sich die Witze einfach selbst vorlesen lassen könnte? Am besten sogar auf Abruf per Siri, ohne dass ich jedes Mal das Handy rausholen muss. Einfach: „Hey Siri, erzähl mir einen Witz”. Nur war die Siri-Lösung leider totaler Schrott: eine hölzerne Stimme und Witze die nach Systemfehlermeldungen klingen. Aber die Idee ließ mich trotzdem nicht los.

Die App

Dann also doch eine App. Und die musste so simpel sein, dass Max alles alleine bedienen kann. App öffnen, auf einen großen Knopf drücken, Witz hören. Kein Login, keine Menüs, keine In-App-Käufe, kein Bullshit.

Beim Design wollte ich bewusst weg vom üblichen Kinder-App-Look — grelle Farben, nervige Sounds, alles blinkt. Stattdessen: ein gemütlicher Retro-Radio-Design mit warmen Farben, haptischer Optik und einer ruhigen Stimme. Eine App, die auch Eltern ertragen können. Check.

Die Stimme

Sowohl die Siri-Stimme als auch das Standard-Text-to-Speech auf dem Mac und iOS klingen blechern und robotisch. Für Witze kann man das knicken. Ohne richtige Betonung ist ein Flachwitz einfach nicht lustig. Ist er ja so schon nicht. Dazu kommt: Wirklich gutes Live-TTS braucht Internet und kostet Geld. Und für die besten Witze-Momente ist nicht immer eine ausreichende Netzabdeckung gegeben, egal ob im Auto oder im Spanien-Urlaub.

Also hab ich mich umgeschaut und bin bei ElevenLabs gelandet. Die können Texte in Sprache umwandeln, mit verschiedenen Stimmen und auf Deutsch. Man kann sich sogar seine eigene Stimme klonen — schöne neue Welt. Ich hab mir aber mit Max eine ruhige Stimme gesucht und dann ein Script gebaut, das die knapp 350 Witze der ersten Version schrittweise per API an ElevenLabs schickt und MP3s generiert. Das hat in Summe vielleicht 5 Euro gekostet.

Die MP3s sind klein (kurze Witze, keine langen Texte) und direkt in der App drin. Kein dynamisches Generieren nötig, funktioniert überall, sofort, ohne Internet.

Wo man aufpassen musste: Bei zusammengesetzten Wortwitzen, die keine richtigen Wörter sind, hat ElevenLabs manchmal die Betonung vermurkst oder Begriffe falsch ausgesprochen. Ein paar Mal neu generieren hat geholfen, bis eine Variante rauskam, die sich gut anhörte.

Zwischendrin kam dann auch eine neue API-Version, mit der man Audio-Tags in den Text einbauen kann. Die steuern, wo Pausen sein sollen, wo die Stimme kichern oder wie die Sprache klingen soll. Damit klangen die Witze deutlich natürlicher.

Und damit sich Witze nicht ständig wiederholen, merkt sich die App die letzten 25 gespielten und schließt sie aus. Simpel, aber reicht.

Zusammen bauen

Max und ich haben zuerst auf einem Blatt Papier das User Interface hingemalt. Für einen 6-Jährigen ist die Transferleistung von „Wir malen das da hin“ zu „So sieht das dann in der App aus“ natürlich nicht ganz einfach, aber er hatte trotzdem großen Spaß daran.

Bild einer UI Skizze

Ich hab dann erstmal einen HTML-Prototyp gebaut, der grob so aussah wie die spätere App. Und erst als das funktioniert hat, hab ich die echte App schrittweise mit Claude Code in React Native generieren lassen. Keine große Spec vorweg, sondern viele, viele kleine Runden: Feature vorbereiten, diskutieren, bauen, Max testen lassen, Feedback, nächste Runde.

Screenshot des WitzBlitz Prototypen

Ich hab sein iPad und mein iPhone in Xcode als Testgeräte hinterlegt, sodass wir immer sofort den neuesten Stand ausprobieren konnten. Erst kam die Kernfunktion Witz abspielen. Dann zufällige Reihenfolge statt sequenziell. Dann die kleinen Details: Lautsprecher-Animation beim Vorlesen, erneut abspielen, überspringen, ein Mini-UI für’s Impressum. Und viel mehr ist es eigentlich nicht.

Die reine Entwicklungszeit war vielleicht ein paar Tage. Immer ein, zwei Stündchen abends nach Feierabend mit Max auf dem Schoß.

Der finale Familientest

Max kannte seine App natürlich ohne jegliche Erklärung. Bei 8 von 10: Button gesehen, draufgedrückt, abgelacht.

Felix (3) versteht viele der Witze noch nicht. Aber er hat beobachtet, wie Max Witze hört und darauf mit seinem Lachen reagiert. Dann hat er angefangen, seine eigenen Witz-Versionen zu erzählen. Völliges Kauderwelsch, aber mit exakt der gleichen Flachwitz-Intonation und einem aufgesetzten, total ansteckenden Lachen am Ende. Erst lacht Max über den Witz, dann lachen wir alle noch mal über Felix. Absoluter Peak der Familienunterhaltung.

Christin sagte nach dem ersten Ausprobieren: „Oh, die Stimme klingt ja toll, so ruhig und entspannt. Endlich mal eine Kinder-App, die nicht so Endzeit nervt!" Und auch nach Wochen findet sie die App noch super. Allerdings müssen so langsam mal neue Witze rein. Wir brauchen wieder Nachschub.

App in den Store

Was mich deutlich mehr Zeit gekostet hat als die App selbst: den Launch im App Store vorzubereiten. Organisations-Account anlegen, Verträge, Screenshots, Beschreibung, Marketing-Material. Und weil WitzBlitz als Kinder-App eingestuft ist, prüft Apple besonders genau — ultra nervig, aber eigentlich auch gut so.

Es ging natürlich nicht sofort durch. Apple wollte wissen, ob die App Daten sammelt, Tracking nutzt oder Werbung einbindet. Dazu noch falsche Screenshots für die iPad Variante hochgeladen. Wer hätte ahnen können, dass sowas auffällt. Also: Fragen beantworten, richtige iPad-Screenshots machen, nochmal einreichen. Dann kam endlich die Push-Notification: Die App ist im Store. Und das haben wir ordentlich gefeiert. Max war total stolz, dass er jetzt eine App im App Store hat — ohne zu wissen, was ein App Store überhaupt ist.

99 Cent

Wir haben den Link im Freundeskreis verteilt und an die Kindergartenfreunde geschickt. Preis: 99 Cent. Keine Werbung, kein Abo.

Gekauft wurde ehrlich gesagt nicht so viel. Die wenigsten sind bereit, einen Euro für eine einfache Witze-App auszugeben. Die Erwartungshaltung ist heutzutage eher, dass so was umsonst ist. Kann ich verstehen. Lustigerweise ist WitzBlitz trotzdem in den Entertainment-Charts ziemlich schnell hochgeklettert. Zeitweise sogar auf Platz 2 oder 3 der bezahlten Apps in Deutschland. Ohne Instagram, ohne Marketing, ohne irgendwas. Die Euphorie war endlos, aber wie wir später gelernt haben, fließen ins Ranking nicht nur Verkaufszahlen ein, sondern auch Klicks und Impressions der App-Store-Seite. Zonk.

Aber die 99 Cent waren mir wichtig. Nicht wegen dem Geld, sondern wegen Max. Er sollte mitkriegen: Wenn du eine coole Idee hast und die gut umsetzt, bezahlt jemand tatsächlich Geld dafür. Jemand da draußen findet das gut genug, um dafür zu bezahlen. Das ist ein starkes Gefühl, wenn man sechs ist.

Ein paar Freunde warten jetzt noch auf eine Android-Version. Max erfindet mittlerweile immer mehr eigene Witze, die sollen natürlich auch rein. Aber erstmal steht die App und wird benutzt. Klein, überschaubar — und dass Max stolz darauf ist, ohne genau zu verstehen warum, das war eigentlich das Tollste am ganzen Projekt.

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