Neu und reif?

TL;DR

Ich hab mich über miese UX in Kinder und Eltern-Apps geärgert, eine UG gegründet, ein viel zu großes Projekt angefangen, Mini-Burnout kassiert – und dann gemerkt: Kleine Sachen funktionieren besser für mich.

Irgendwann im Frühling 2024 saß ich mit Max auf dem Sofa und wir haben eine Kinder-App ausprobiert. Grelle Farben, nervige Sounds, Werbung nach jedem Mini-Game. Max fesselt sowas natürlich trotzdem, aber ich fand's furchtbar. Gelöscht. Die nächste App: gleiches Spiel. Und die danach auch.

Als Familie laden wir ständig irgendwelche Apps runter – und löschen die meisten nach ein paar Tagen wieder. Entweder sind sie für Kinder gemacht, aber nerven Eltern. Oder sie sind hübsch designt, aber niemand hat sich in der Entwicklung gefragt, wie es im Familienleben so aussehen kann. Ziemlich chaotisch halt.

Irgendwann hab ich aufgehört, mich nur zu ärgern, und angefangen, selbst was zu bauen. Ich dachte, die Lösung sei, groß zu denken. War sie nicht. Hab aber trotzdem vorher mal schnell prophylaktisch was gegründet.

Gründen kann ja nicht so schwer sein. Oder?

Gründen ist für mich tatsächlich kein Neuland. Ich war schon mal Gesellschafter einer kleinen Games-Schmiede und habe ein kleines SaaS-Startup mitgegründet. Beides hat unendlich viel Spaß gemacht, war sehr aufregend und beides war ziemlich erfolglos. Dann kamen Max und Felix. Und mit zwei kleinen Jungs habe ich die Gründerambitionen ganz schnell beiseite geschoben.

Mitte 2024 hat es mich dann aber wieder gepackt. Das Feuer, was zu bauen. Und es war groß. So groß, dass ich dafür direkt eine UG gegründet habe – zusammen mit meiner Frau Christin, die auch Gesellschafterin ist. Ich hatte kurz zuvor noch das Buch Million Dollar Weekend von Noah Kagan ausgelesen und war übermotiviert es noch mal zu versuchen. Im Nachhinein war die Gründung aber etwas überstürzt. Für die paar Einnahmen hätte am Anfang ein einfaches Gewerbe wahrscheinlich auch gereicht. Stattdessen: Notartermine, IHK-Namensprüfung, Geschäftskonto, und ab Tag eins absurd hohe Buchhaltungskosten durch den Steuerberater – für ein Unternehmen, das zu Beginn (noch) keinen Cent verdient.Das war alles unglaublich spannend und ich hab auch eine Menge gelernt. Aber war es besonders clever? Eher nicht.

“Most people: Overthink first, act later. Every successful entrepreneur: Act first, figure it out later.” ― Noah Kagan

Ich hab mir eingebildet, das eigene Ding beginnt erst richtig, wenn man auch was gründet. Nur dann ist das richtige Mindset da. Now, not how. Aber wenn Monat für Monat kein nennenswerter Umsatz dabei rauskommt, wird aus dem Ansporn ganz schnell stiller Druck. Manchen mag diese Art von Druck helfen, ihren unternehmerischen Geist zu wecken, mich hat es nur noch gelähmt.

Denken sie groß

Die erste Idee unter der neureif-Flagge war klyngl, eine Plattform für Eltern, die helfen soll, den Familienalltag besser zu organisieren. Erster Anwendungsfall: Kinderverabredungen managen. „Kann Lina morgen zum Spielen kommen?” – „Wann hat die nochmal Zeit?” – drei WhatsApp-Nachrichten hin und her, Kalender vergleichen, am Ende klappt’s doch nicht. Calendly nur speziell für Familien. Zusammen mit einem befreundeten Elternpaar, dem das genauso auf die Nerven ging, haben wir lange an dieser Idee rumgesponnen.

Business is just a never-ending cycle of starting and trying new things, asking whether people will pay for those things, and then trying it again based on what you’ve learned. ― Noah Kagan

Ich hab recherchiert, Feedback gesammelt, vorhandene Lösungen ausprobiert. Die Idee überzeugt mich bis heute und ich wusste auch, dass Leute dafür zahlen würden. Also hab ich angefangen zu bauen – erst einen Prototypen, dann eine Web-App, dann Schwenk auf eine mobile App, weil die Akzeptanz für eine reine Web-Lösung bei Familien zu niedrig war.

Und dann kamen jede Menge Datenfragen. So eine App braucht Zugriff auf Kalender, Kontakte, Freundschaftsbeziehungen zwischen Kindern. Alles persönliche Daten, die man als Betreiber eigentlich nicht in der Hand haben will. Also nochmal umgebaut: alles lokal auf dem Gerät, nur das Nötigste synchronisiert und verschlüsselt.

Ein halbes Jahr später, die App war noch weit entfernt von einem ersten brauchbaren Stand, hab ich gemerkt: Das wird mir zu groß und saugt mir ohne Ende Energie ab. Nicht weil ich so viel gebaut hätte, sondern weil ich jeden Abend was anderes entscheiden musste. Architektur, Datenschutz, Tech-Stack-Wechsel. Alles im stillen Kämmerlein. Ich hab mehr Risikobewertung betrieben als programmiert. Ein Riesenprojekt neben Vollzeitjob und zwei kleinen Kindern, zack Mini-Burnout. Ich brauchte eine Pause.

Einen Schritt zurück

In dieser Pause hab ich viel darüber nachgedacht, warum ich mir das überhaupt antue. Warum und für wen baue ich eigentlich was? Ist es überhaupt sinnvoll so große Produkte im Alleingang zu bauen? Heute weiß ich: im Grunde ging es mir nicht darum, alleine ein Startup zu bauen. Ich bin inzwischen zufrieden damit, nur Sachen zu bauen und zu sehen, ob sie funktionieren. Ohne Businessplan und ohne Exit-Fantasie.

Mein Antrieb ist nicht, das nächste Multi-Millionen SaaS Business aufzubauen. Klar, wäre auch nice. Aber primär nervt es mich einfach, dass es für viele Alltagsprobleme schlicht keine für uns passende Lösung gibt (oder wir sie noch nicht gefunden haben). Meistens nur faule Kompromisse. Produkte, die so tun, als würden sie helfen, aber eigentlich für einen anderen generischen Anwendungsfall gebaut wurden. Oder die vorgeben, Familien zu helfen, aber eigentlich nur Aufmerksamkeit oder Daten abgreifen wollen. 80 % passend, 20 % verbiegen müssen.

Und dann saß ich irgendwann abends am Rechner, hab an einer kleinen Sache rumgebastelt, und auf einmal war er wieder da – dieser Moment, in dem man vergisst, auf die Uhr zu schauen. Der Funke. Gerade jetzt, wo ich mit Hilfe von AI in einer Woche eine kleine App für mich bauen kann, für die ich früher Monate gebraucht hätte, fühlt sich das realistischer an als je zuvor. Auch im Feierabendmodus mit zwei Jungs.

Aber genau das verführt auch dazu, vorschnell irgendwas zu bauen, nur weil es plötzlich machbar ist. Ein Abend Prototyp, nächster Abend neues Tool ausprobiert, dritter Abend alles nochmal anders angefangen. Am Ende ist nichts fertig, aber man war die ganze Zeit beschäftigt. Die spannendere Frage ist nicht mehr „Wie baue ich das?”, sondern „Bringe ich auch zu Ende, was ich begonnen habe?”.

Denken sie klein(er)

Also hab ich zwischendurch was Kleineres gesucht. fynd.kids – QR-Codes zum Drucken und Aufkleben für Kinder, falls sie oder ihre Klamotten verloren gehen. Falls was verloren geht: einfach abscannen und Kontaktdaten der Eltern sehen. Namensetiketten mit Pfiff. Die App ist zu 80 Prozent fertig, veröffentlicht hab ich sie nur nie. Die berühmten 20 Prozent, um das Ganze dann auch zu shippen. Aber daran hab ich gelernt, wie wahnsinnig aufwendig selbst ein kleineres Projekt hinten raus wird. Für manche mag das eine sehr banale Erkenntnis sein, aber für mich war das tatsächlich eine heilsame Erfahrung, eine kleine Sache nur für uns zu bauen und das Projekt dann zu beerdigen.

Und dann kam WitzBlitz. Eine total simple Witze-App für Max. Klein, überschaubar, in ein paar Tagen gebaut. Und plötzlich: fertig. Der Weg in den App Store hat zugegeben etwas länger gedauert, aber dann: Im App Store. (Wenige) Leute kaufen die App. Und Max fragt plötzlich: „Papa, verdienen wir damit jetzt wirklich Geld?”.

Und dann hab ich's kapiert: Kleine Sachen passen einfach besser zu meinem Arbeitsmodus. So ein Produkt muss im Feierabend konzeptionell noch in meinen Kopf passen. Und wenn das nicht geht, muss ich es kleiner schneiden. Chop chop. Solange bis es rein passt.

Wie es weiter geht

“Work like you don’t need the money, love like you’ve never been hurt, dance like nobody’s watching” — Satchel Paige

Nach über einem Jahr haben wir dann die Reißleine gezogen: Wir wechseln noch mal die Gesellschaftsform für deutlich weniger Bürokratie und deutlich weniger Fixkosten. Die aktive Entwicklung an Apps und Blog bleibt erhalten, weiterhin im Feierabendmodus, neben meinem Job bei INNOQ.

Aber ich baue jetzt anders. Entspannter. Und es bereitet mir so viel mehr Freude. Ich fange nicht mehr mit Plattformfantasien an, auch wenn’s Spaß macht ein bisschen zu träumen. Ich starte mit einem konkreten Problem, das mich persönlich oder meine Familie nervt. Was nicht nur einmal nervt, sondern mehrfach. Dafür pflege ich inzwischen einen Notizzettel namens Piss-off List. Alles was schon Workarounds erzeugt hat und regelmäßig frustet – das ist ein guter Kandidat.

Meine Faustregeln: ein Kernproblem, ein klarer Anwendungsfall, maximal eine Woche bis zur ersten Version. Die erste Version muss nicht perfekt sein, aber sie muss wirklich gut sein, nicht nur gerade so eben funktionieren. Und manchmal reicht halt schon eine absurd kleine App, die einen 6-Jährigen zum Lachen bringt. Für 99 Cent.

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